Thinktank entwickelt Vorschläge für den Umgang mit sinkenden finanziellen Spielräumen
Die evangelische Kirche steht vor großen Veränderungen. Sinkende Mitgliederzahlen führen langfristig auch zu geringeren Kirchensteuereinnahmen. Damit stehen die Kirchengemeinden und der Kirchenkreis vor der Aufgabe, mit weniger finanziellen und personellen Ressourcen auch künftig lebendige kirchliche Arbeit zu ermöglichen.
Für den kommenden Planungszeitraum 2029 bis 2034 wird im Kirchenkreis Verden mit einem Rückgang der verfügbaren Mittel um rund 22 Prozent gerechnet. Das entspricht etwa 1,3 Millionen Euro im Jahreshaushalt.
Eine gleichmäßige Kürzung in allen Bereichen würde unter anderem bedeuten, dass rund fünf Pfarrstellen sowie weitere Stellenanteile in Diakonie und Kirchenmusik wegfallen müssten. Auch bei Sach-, Bau- und technischen Mitteln wären deutliche Einsparungen notwendig.
Die Frage ist deshalb: Wie kann Kirche mit weniger Ressourcen auch künftig gut und lebendig arbeiten?
Mit dieser Frage hat sich eine Arbeitsgruppe, der sogenannte Thinktank, beschäftigt. Dabei ging es nicht nur darum, Einsparungen zu verteilen. Vielmehr sollten strukturelle Veränderungen entwickelt werden, die langfristig tragfähig sind und zugleich gute Arbeitsbedingungen für Haupt- und Ehrenamtliche ermöglichen.
Das Ergebnis sind drei miteinander verbundene Kernideen:
1. Pfarrstellen werden künftig einer Region zugeordnet
Pfarrstellen sollen zukünftig – ähnlich wie bereits die Regionaldiakon*innen – nicht mehr einer einzelnen Kirchengemeinde, sondern einer Region zugeordnet werden. Voraussetzung dafür ist ein verbundenes Pfarramt oder eine entsprechende regionale Struktur.
Die Pfarrpersonen übernehmen innerhalb der Region unterschiedliche Aufgaben. Dazu gehören beispielsweise die Begleitung von Kirchenvorständen, Seelsorgebezirke oder regionale Schwerpunkte wie Konfirmandenarbeit, Ehrenamtsmanagement, Seniorenarbeit oder Besuchsdienst.
Damit soll sich die Arbeit besser verteilen lassen. Pfarrpersonen können stärker nach ihren Interessen und Kompetenzen arbeiten und sich gegenseitig vertreten. Auch Urlaubs- und Vakanzvertretungen könnten innerhalb eines regionalen Teams leichter organisiert werden.
Eine wichtige Veränderung wäre dabei das gemeinsame Verständnis von pastoraler Arbeit: Weg von der Vorstellung „meine Gemeinde“ und „unser Pastor“ hin zu einem regionalen Team, in dem mehrere Pfarrpersonen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
2. Gemeindemanagement für jede Region
Als zweite Säule ist ein Gemeindemanagement vorgesehen. Dafür sollen fünf halbe Stellen von vornherein im Stellenplan berücksichtigt werden, die von den Regionen abgerufen werden können.
Gemeindemanager*innen könnten organisatorische Aufgaben übernehmen, die heute vielfach bei Pfarrpersonen oder ehrenamtlichen Kirchenvorständen liegen. Dazu könnten beispielsweise gehören:
- Begleitung der Kirchenvorstände und Beschlussverfolgung
- Veranstaltungsorganisation und Terminkoordination
- erster Ansprechpartner für das Kirchenamt
- Personalverantwortung
- Spendenmanagement
- Aufgaben rund um Bau und Gebäude
Das Ziel ist vor allem eine Entlastung der Pfarrämter. Gleichzeitig könnte das Gemeindemanagement dazu beitragen, dass ein ehrenamtlicher Vorsitz im Kirchenvorstand besser leistbar wird.
Der Thinktank geht dabei von einem Entlastungseffekt aus: Durch die Investition von 0,25 einer Pfarrstelle in Gemeindemanagement könnte das Pfarramt der Region im Umfang einer halben Stelle entlastet werden.
3. Kompetenzzentren für bestimmte Aufgaben
Die dritte Idee betrifft Aufgaben, die bislang an vielen verschiedenen Stellen erledigt werden. Bestimmte Tätigkeiten könnten künftig auf regionaler Ebene gebündelt werden.
Als Beispiele nennt der Thinktank:
- Kirchenbuchführung
- Friedhofsverwaltung
- Tauf- und Trauanmeldungen
Dabei muss ein Kompetenzzentrum nicht zwingend an einem einzigen Ort angesiedelt sein. Entscheidend ist, dass bestimmte Aufgaben innerhalb einer Region gebündelt und von entsprechend geschulten Mitarbeitenden bearbeitet werden.
Davon verspricht sich der Thinktank mehr Fachkompetenz, weniger Schulungsaufwand und eine bessere Dienstleistung für die Kirchenmitglieder. Auch attraktivere und fachlich klarer ausgerichtete Arbeitsplätze könnten dadurch entstehen.
Was würde sich für die Gemeinden verändern?
Die vorgeschlagenen Veränderungen sollen nicht bedeuten, dass kirchliches Leben aus den Gemeinden verschwindet. Vielmehr geht es darum, Aufgaben anders zu verteilen und stärker miteinander zu arbeiten.
Für die Gemeinden könnte das beispielsweise bedeuten:
Ein fester Ansprechpartner bleibt erhalten. Gleichzeitig gibt es weitere Ansprechpartner*innen für bestimmte Aufgaben und Themen.
Angebote können stärker nach Zielgruppen und Interessen entwickelt werden. Dafür kann es allerdings notwendig sein, örtlich flexibler zu werden.
Bei Kasualien wie Taufen, Trauungen oder Beerdigungen könnte es mehr Auswahl bei den Pfarrpersonen geben.
Kirchenvorstände können organisatorisch entlastet werden. Ein Gemeindemanagement könnte dabei helfen, dass ehrenamtliche Leitungsverantwortung weiterhin gut übernommen werden kann.
Pfarrpersonen könnten wieder mehr Zeit für ihre eigentliche pastorale Arbeit gewinnen: für Seelsorge, Gottesdienste und die Begleitung von Menschen.
Die Regionen sollen bei der Veränderung unterstützt werden
Der Thinktank sieht die vorgeschlagenen Veränderungen nicht als fertiges Modell, das überall identisch umgesetzt werden soll. Die drei Kernideen bilden vielmehr einen gemeinsamen Rahmen, der in den einzelnen Regionen konkret ausgestaltet werden muss.
Dabei können unterschiedliche Lösungen und auch unterschiedliche Geschwindigkeiten sinnvoll sein.
Für die Umsetzung ist deshalb Unterstützung vorgesehen. Dazu gehören unter anderem die Übernahme der Kosten für Gemeindeberatung, Coaching für regionale Teams sowie die Entwicklung geeigneter regionaler IT-Lösungen, beispielsweise für einen gemeinsamen Datenzugriff.
Was wurde noch bedacht?
Die drei Kernideen sind das Ergebnis eines längeren Denkprozesses. Auf dem Weg dorthin wurden auch andere Möglichkeiten betrachtet – darunter ein „Weiter wie bisher“ mit weniger finanziellen Mitteln, Veränderungen der Körperschaftsstrukturen und das Modell einer Netzwerkkirche. Diese Ansätze wurden letztlich nicht weiterverfolgt.
Wie geht es weiter?
Die Vorschläge des Thinktanks sollen nun in den Kirchenkreis eingebracht und beraten werden. Bei der nächsten Kirchenkreissynode im November 2026 steht die Entscheidung über den weiteren Weg an. Die Kirchenkreissynode ist das „Parlament“ des Kirchenkreises und berät und entscheidet über zentrale Fragen der gemeinsamen kirchlichen Arbeit.
Bis dahin geht es darum, die Ideen weiter zu beraten und Fragen aus den Gemeinden und Regionen aufzunehmen.
Das Ziel des Thinktanks ist dabei klar: Die notwendigen Einsparungen sollen mit strukturellen Veränderungen verbunden werden, damit der Kirchenkreis auch unter veränderten finanziellen Bedingungen lebendig und handlungsfähig bleibt – und Menschen auch künftig gerne und gut in der Kirche arbeiten können.